Der Ausnahmezustand hält nun schon ein paar Tage an und nach der anfänglichen Unruhe beginnt für uns langsam eine neue Form der Normalität. So geht es sicher vielen von euch.

Falls es bei dem einen oder anderen knirscht, habe ich eine Idee, die sich schon seit einigen Monaten bei uns bewährt hat. Sie ist für unser Familienleben zwar nicht zum Lebens-, aber auf jeden Fall zum tagtäglichen Stimmungsretter geworden.

Ihr kennt alle Situationen im Familien- oder auch allgemein im Zusammenleben, in der Partnerschaft, in der WG, sogar im beruflichen Umfeld, in denen verschiedene Ansichten oder Wünsche aufeinander treffen und ein Kompromiss einfach nicht möglich ist. Es geht nur entweder – oder. Und ich rede jetzt nicht von Klimaschützern gegen Wirtschaftsvertreter. Da stößt meine Idee, die ich euch hier zeige, definitv an seine Grenzen. Was ich meine, sind die alltäglichen Vorkommnisse im Alltag, besonders mit Kindern: Wer darf entscheiden? Wer darf sich zuerst etwas nehmen? Wer darf das Fernsehprogramm oder das Gesellschaftsspiel aussuchen? Wer darf den den Nachtisch holen? Wer darf ein bestimmtes Spielzeug oder Kuscheltier haben, das allen gemeinsam gehört? Wer darf das letzte Stück Kuchen nehmen? Wer darf zuerst/zuletzt ins Badezimmer? Oder bei uns derzeit ganz aktuell: Wer darf beim Spielen der Polizist sein und wer muss den Räuber spielen? Was hatten wir in der Vergangenheit für erbitterte Streiterein wegen vermeintlicher Kleinigkeiten! Für mich ist das oft nicht nachvollziehbar. „Ist doch egal, wer den Teddy heute hat. Dann nimmst du ihn eben morgen.“ Aber vor allem für relativ kleine Kinder ist das in diesem Moment das Allerwichtigste. Sie können nicht abwarten und mögen sich nicht auf einen Ausgleich, nach dem Motto „Heute er, morgen du.“ einlassen. Oder sie fechten einen Konkurrenzkampf aus, indem sie ihre Positionen aushandeln müssen. Ein ganz normales Verhalten unter Geschwistern. Doch für uns als Eltern ist das manches Mal zermürbend. Vielleicht kennen das manche auch von uneinsichtigen Ehe- oder Geschäftspartnern? Vielleicht sollte man dann diese Idee auch mal in Erwägung ziehen?!?

Wir haben nämlich eine ganz schlichte Regelung eingeführt, bei der abwechselnd jeder einmal der Bestimmer ist. Bei uns heißt der- oder diejenige „Tageshäuptling“ und darf eben in solchen Situationen entscheiden. Und ja, auch wir Eltern haben jeder der Reihe nach einen Bestimmertag. Das ist mir insbesondere in der Essensdiskussion wichtig. Denn wenn ich Tageshäuptling bin, koche ich das Essen, was mir schmeckt. Und versuche selbstverständlich die Vorlieben der Kinder mit zu berücksichtigen, lasse für die Kinder ein bestimmtes Gemüse weg oder bereite den Lieblingsnachtisch der Kinder zu, ist doch klar! Aber ich setze meinen Fokus auch nach meinen Prioritäten, wenn ich bspw. die Reste verarbeite, die dringend gegessen werden müssen, was bei den Kindern nicht immer gut ankommt. Aber dafür dürfen die Kinder sich an ihrem Bestimmertag ihr Lieblingsessen wünschen und damit sind die Debatten zumindest einigermaßen vom Tisch.

Für ältere Kinder eignet sich die Methode auch, um Aufgaben im Haushalt zu verteilen: Wer deckt heute den Tisch decken/bringt den Müll raus/räumt die Spülmaschine aus?

Für die „Corona-Ferien“ (eignet sich natürlich auch für ganz normale Ferien) haben wir uns überlegt, dass der Tageshäuptling das tägliche Unterhaltungsprogramm plant: Welches Tagesprojekt soll es geben? Wann wollen wir raus gehen und wollen wir draußen lieber spielen oder uns um die Gartenbeete kümmern? Gibt es ein Picknick im Garten? Wollen wir einen Kuchen backen oder Waffeln? Basteln? Malen? Oma anrufen? Wann darf/soll jeder Ruhe für sich haben? Für die beiden kleineren Kinder habe ich eine Körbchen mit kleinen Zetteln vorbereitet, daraus können sie ein paar Ideen sammeln und so das Tagesprogramm zusammenstellen. Die Farben symbolisieren die unterschiedlichen Aktivitäten, so dass sie wissen, woraus sie sich einlassen.

Zu den Aktivitäten gehören Bobbycar-Rennen, Fußballspielen oder auch ein Bad nehmen, was die Kinder lieben und so das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. In der Kategorie „Überraschung/Risiko“ findet sich so etwas wie „Lieblingsbuch vorlesen“ oder „eine Sendung im Kika anschauen“, aber auch „ein Zimmer aufräumen“ oder „Mülleimer raustragen“. Essens- und Schlafenszeiten sind gesetzt, aber alles andere kann dann aus den verschiedenen Ideen ausgesucht werden. Vorraussetzung ist, dass nicht so lange gezogen wird, bis das Passende an der Reihe ist, und dass die Kinder auch bereit sind, sich auf die Ideen einzulassen. Sonst müssen sie ja nichts ziehen, wenn sie eine konkrete Vorstellung haben, was sie gern machen möchten. Das bietet Abwechslung und der Tageshäuptling ist stolz, weil er Verantwortung tragen darf. Das können auch schon kleinere Kinder ab etwa 3-4 Jahren. Und es tut allen gut, wenn sie mal bestimmen dürfen und sich ein andermal zurücklehnen können. Nur wenn der Herr des Hauses nicht am Wochenende Tageshäuptling ist, müssen wir ein bisschen improvisieren, weil er bei der Arbeit ist und nicht über das Programm entscheiden kann…

Ich will nicht verschweigen, dass es dennoch reichlich Diskussionsbedarf gibt („Aber als ich Tageshäuptling war, gab es gar keinen Nachtisch.“). Aber so ist eben das (Familien-)Leben. Eine absolute Gleichbehandlung ist weder möglich noch finde ich sie erstrebenswert. Dafür ist man nach fünf Tagen ja wieder an der Reihe. Und psssst! Die Wahrscheinlichkeit, dass es dann wieder Nachtisch gibt, ist ziemlich hoch. Dafür sorge ich dann schon.

Damit auch der Kleinste schon morgens erkennen kann, wer heute Tageshäuptling ist, habe ich diese Scheibe gebastelt. Jedes Familienmitglied hat seine eigene Farbe und darf dann sein Feld noch individuell gestalten: Namen dazu schreiben, bemalen, bekleben, eigenes Foto hinzufügen – was auch immer. Da aber ohnehin in unserer Familie jeder „seine“ Farbe zugeordnet hat, zum Beispiel für Beschriftungen von Spielsachen, Zeitschriften, Stiften oder ähnlichem, ist die Zuordnung so schon eindeutig und für jeden direkt erkennbar. Und ja, ich mache mir zusätzlich eine Notiz im Kalender, damit nicht ein Scherzkeks immer wieder den Pfeil auf seine Farbe dreht oder wir irgendwann den Überblick verlieren. (Hast du schon gedreht heute? Warst du nicht erst gestern dran? Ich war schon so lange nicht mehr an der Reihe!)

Ich habe dazu einfach einen Kreis aus einem Stück Pappe ausgeschnitten und aus bunten Papier „Kuchenstücke“ aufgeklebt. Das geht mit Geodreieck und Zirkel am einfachsten – Geometrie lässt grüßen. Ich bin da pingelig. Wenn ich schon jeden Tag darauf schauen „muss“, dann soll es auch einigermaßen akkurat sein. Man könnte natürlich auf die Pappe auch einfach die Trennlinien einzeichnen und Namen darauf schreiben, je nachdem, wie viele Personen sich mit dem Bestimmen abwechseln, eine entsprechende Anzahl an Feldern.

Zum Schluss habe ich noch einen Pfeil aus Pappe ausgeschnitten und mit einer Spreizklammer in der Mitte befestigt, aufhängen, fertig!

Jetzt muss man sich nur noch einigen, wer den Pfeil morgens auf den neuen Tageshäuptling drehen darf – der alte oder der neue Bestimmer. Hach, das Leben besteht nur aus schwerwiegenden Entscheidungen…

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Entscheidungsfreude, und dass jeder mal der Bestimmer sein darf.

Alles Liebe,

Pippa