Zeit haben – ein besonderer Luxus?

„Je großzügiger ein Mensch ist, desto mehr Zeit hat er für sich und für andere. Mache es dir zur Gewohnheit, immer Zeit zu haben.“ (Arthur Lassen: Heute ist mein bester Tag) Dieses Zitat habe ich vor einigen Tagen gelesen und es lässt mich seitdem nicht los. Zeit zu haben ist in der sogenannten heutigen Zeit ein Seltenheit geworden. Indem die Menschen keine Zeit haben oder das zumindest deutlich kommunizieren, glauben sie, die Wichtigkeit der eigenen Person zum Ausdruck bringen zu können. Und wenn ich zurück denke, dann war auch ich lange der Meinung, wenn ich keine Zeit habe, dann deshalb, weil ich ganz besonders viele, ganz besonders wichtige Aufgaben hatte und ganz besonders fleißig war.

Ist es dir aber nicht auch schon mal so ergangen, dass du jemanden angerufen hast, weil du dein Herz ausschütten oder etwas Erfreuliches mit jemandem teilen wolltest? Und es war das größte Geschenk, dass der Angerufene auch für das Telefonat mit dir Zeit hatte? Wenn ich so darüber nachdenke, erinnere ich mich an manches Gespräch dieser Art. Gleichzeitig fällt mir aber auch das eine oder andere Gespräch ein, dass ich abgebrochen habe, weil ich keine Zeit hatte. Im Rückblick erscheinen mir die Telefonate, in denen sich die Gesprächspartner für mich Zeit genommen haben, ganz besonders wertvoll.

Wann genau hat sich eigentlich die Wahrnehmung etabliert, man müssen immer in Eile sein und dürfe nie Zeit habe, damit man als besonders beschäftigt oder wichtig angesehen wird? Dabei ist doch eigentlich das Gegenteil erstrebenswert: seine Aufgaben und Verpflichtungen so gut organisiert zu haben, dass man trotzdem noch „Zeit hat“. Der- oder diejenige, die ihre Arbeit im Griff hat, ist doch eigentlich viel vorbildlicher als jemand, der oder die immer nur dem Zeitplan hinterherläuft, oder?

Das Zitat vom Anfang des Textes hat auf jeden Fall ein Umdenken bei mir ausgelöst und ich versuche, dies auch in die Tat umzusetzen. Dabei sehe ich zwei Komponenten: Erstens muss ich mich gut organisieren und meine Aufgaben möglichst effizient erledigen, um mehr Zeit zu haben. Zweitens muss ich mir aber auch „die Zeit nehmen“. Die meisten Menschen teilen wohl meinen Eindruck, dass man eigentlich nie fertig ist. Es gibt immer noch das aufzuräumen, diese E-Mails zu beantworten, noch einen Korb Wäsche zu waschen, Telefonate zu erledigen oder was auch immer. Selbst wenn ich den ganzen Tag ohne Pause bis tief in die Nacht durcharbeiten würde, gäbe es noch immer unerledigte Aufgaben. Daran ändert sich auch nichts, wenn ich mir nicht die Zeit nehme, meinen Kindern noch ein Buch vorzulesen oder ein persönliches Gespräch zu führen, sondern stattdessen, mit Hinweis auf die mangelnde Zeit, noch schnell etwas auf der To do-Liste abzuhaken. Wenn ich aber darauf verzichte und mir die Zeit nehme, vermittelte ich demjenigen, dem ich meine Zeit widme, das Gefühl, dass ich seine Bedürfnisse wahrnehme, dass er oder sie mir wichtig ist. Besonders im Umgang mit Kindern ist das nicht zu unterschätzen, so ist meine Erfahrung. Und auch wir selbst haben doch schon oft die Erfahrung gemacht, wie wertvoll es ist, wenn sich jemand für uns Zeit nimmt, oder?

Soweit meine Erkenntnis, die aber noch sehr theoretisch ist. Wie komme ich aber ganz praktisch in den Zustand, „immer“ Zeit zu haben? Natürlich müssen auch meine Kinder die Erfahrung machen, dass es Termine einzuhalten gilt. Dass ich leider keine Zeit habe, wenn wir zu einer bestimmten Zeit verabredet sind oder wir gemeinsam den Bruder abholen müssen und ihn nicht warten lassen wollen oder wenn er morgens pünktlich in der Schule sein muss. Diese Situationen kommen in unserem Alltag zwar täglich vor, es handelt sich aber keinesfalls um einen Dauerzustand. Natürlich muss das Essen gemacht werden, Kinder müssen abends ins Bett oder zum Mittagsschlaf, auch das richtet sich nach der Uhr. Doch dabei wiederum habe ich es in der Hand, so rechtzeitig zu beginnen, dass dennoch zwischendurch Zeit ist, sich um das eine oder andere Bedürfnis der Kinder zu kümmern. Oder dass ein ungeplantes Telefonat mich nicht völlig aus dem Rhythmus bringt.

Es gibt viele Tipps, Ratgeber, ganze Internetseiten, die sich mit dem Thema Zeitmanagement beschäftigen. Je nach Lebenssituation steht man da auch vor anderen Herausforderungen und muss unterschiedlich handeln. Allen gleich ist jedoch m. E. der Tipp, sich über die eigenen Ziele oder Prioritäten klar zu werden. Was ist mir wichtig? Berufliche Karriere machen? Ein stets ordentliches Haus? Einen Großteil meiner verfügbaren Zeit mit den Kindern verbringen? Freundschaften zu pflegen? Verreisen? Ein intensives Hobby betreiben? Alles auf einmal mit gleicher Intensität wird kaum möglich sein. Gerade wer kleine Kinder hat, der weiß, dass schon allein die Termine und Verpflichtungen von und mit den Kindern einen Großteil der Zeit in Anspruch nehmen. Auch ohne dass man sich entspannt hinsetzt und gemeinsam ein Bilderbuch anschaut oder etwas Kreatives bastelt. Da ist es mit Aufräumen oder dem Pflegen von Hobbys oder Freundschaften dann leider oft nicht weit her. Gleichzeitig sind sich auch gerade diese Eltern mit kleinen Kindern glücklicherweise oft bewusst, dass dieser Zustand nicht ewig anhält und dass es gewöhnlich den anderen im Freundeskreis recht ähnlich geht. Oder wenn nicht, so habe ich die wunderbare Erfahrung gemacht, dann haben diese Freunde letztlich doch Verständnis dafür, dass der Alltag ein ebenso häufiges Treffen wie in früheren Zeiten nicht zulässt und die Freundschaften halten dennoch.

Dann denke ich, wenn man sich seiner eigenen Prioritäten bewusst ist, muss man lernen, die anderen Dinge eben einigermaßen zu belassen, wie sie sind. Dafür soll jetzt eben keine Zeit sein, ohne dass man deshalb ein schlechtes Gewissen haben muss. Die Ziele sind für den Moment andere, in ein paar Jahren ist dann wieder Zeit für das Hobby, die Fernreise oder den „perfekten“ Haushalt. Das nimmt mir zumindest einen Teil der Last von den Schultern.

Ich finde es dabei sehr hilfreich, wenn man sich selbst und die Art und Weise, wie man Aufgaben bewältigt und Ziele erreicht, wirklich gut kennt. Ich bin beispielsweise schon immer jemand gewesen, der sich leicht ablenken lässt oder unliebsame Aufgaben sogar ganz bewusst ignoriert. Wenn ich sie nicht sehe, sind sie schließlich gar nicht da, oder? Und morgen ist auch noch ein Tag. Und die Wäsche ist jetzt ja sowieso gerade viel wichtiger. Schon ist der Tag rum und das eigentlich Dringende ist noch immer unerledigt. Manchmal hilft es mir dann übrigens, einer vertrauten Person davon zu erzählen, die dann (hoffentlich) behutsam nachhakt, ob man sich schon um diese eine, besonders unangenehme Sache gekümmert hat. Da ist aber wirklich Fingerspitzengefühl gefragt, dass sollte diese Person unbedingt vorher wissen.

Ansonsten bin ich wirklich ein Listen-Fan, das habe ich in diesem Artikel ja schon mal berichtet. Für mich sind Listen wie Zaubertricks. Wenn ich mich wirklich an meine Listen halte, dann sind wie durch Zauberhand Aufgaben erledigt, die mir zwar im Kopf herumspukten („Das muss ich unbedingt irgendwann mal machen.“), für die ich mir aber nie wirklich Zeit genommen habe.

Diese Listen sollten dann auch nicht zu umfangreich sein. Dann habe ich zwischendurch auch Zeit für mein prioritäres Ziel oder bin am Abend irgendwann einfach mal fertig. Natürlich ist dann noch immer der Speicher nicht aufgeräumt oder die Verabredung mit der besten Freundin steht noch aus. Aber für heute war es nicht vorgesehen, dann ist es auch erstmal gut so.

Dazu gehört aber auch, die Menge an geplanten Aufgaben laufend zu hinterfragen. Ist es zu viel? Oder gebe ich mich weniger zufrieden, als entspannt möglich wäre? Da sind wir alle ja allzu menschlich und sollten versuchen, so ehrlich wie möglich zu uns selbst zu sein. Ein Rat ist beispielsweise, nur 60% der eigentlich verfügbaren Zeit zu verplanen, weil doch manches länger dauert oder Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

Also, meine Ideen für das „Mehr-Zeit-haben-Vorhaben“:

  • Grundsätzliche Priorität, gewissermaßen die aktuelle Lebensaufgabe, festlegen.
  • Aufgaben für einen bestimmten Zeitraum, bei mir ist das meistens eine Woche, festlegen.
  • Gerade wenn (kleine) Kinder im Spiel sind, mehr Zeit einplanen und frühzeitig auch mit kleineren Aufgaben beginnen, um auch für Unvorhergesehenes ausreichend Zeit zu haben.
  • Sich so gut es geht an die möglichst realistischen Pläne und Listen halten, das schafft Zufriedenheit mit dem Erreichten.

Und wenn das geschafft ist, mit welcher Methode auch immer, genieße die Zeit. Lebe im Augenblick, denn nur dieser gehört dir. Das Vergangene ist nur eine Erinnerung und die Zukunft noch nicht da. Das Hier und Jetzt, das ist die einzige Realität. Erfreue dich an dem, was dir gut tut. Ist das Wetter schön? Wunderbar, dann freue dich über den Sonnenschein. Ist das Wetter schlecht? Auch gut. Meine Kinder sagten heute Mittag: „Mama, wie schön, dass es heute regnet, da können wir es uns drinnen richtig gemütlich machen.“ Eine tolle Einstellung, oder? Mach dir einen Tee, backe ein paar leckere Plätzchen. Lies eine oder zwei Seiten aus einen schönen Buch. Höre deine Lieblingsmusik. Nimm ein Bad. Ruf deine beste Freundin an. Tu dir was Gutes. Und ob du dir eine Stunde Zeit nimmst oder nur fünf Minuten, atme durch und genieße es. Sieh das Schöne im Leben. Erfreue dich an den Rosen, die in deinem Garten blühen. Lass dir die Erdbeeren schmecken, die gerade so wunderbar süß sind. Dann kommt es nicht darauf an, wieviel Zeit du hast, vielleicht passt es ja auch nur am Wochenende. Die Zeit jedoch, die du dir nimmst, solltest du so gut wie möglich genießen.

In diesem Sinne wünsche ich dir eine wunderschöne Zeit. Und vielleicht hast du ja auch noch einen Tipp, wie man sich mehr Zeit nehmen kann. Dann lass ihn gern in den Kommentaren da.

Pippa